Kulturhistorische Betrachtungen des Begriffs Fortschritt kommen zu den folgenden wesentlichen Aussagen: Erstens, wie wir alle wissen, ist die Kritik am Fortschritt so alt wie der Fortschritt. Im 17. Jahrhundert forderte eine Petition in England, den Konsum von Kaffee nur Menschen über 60 zu erlauben, denn Kaffee verursache Sterilität. Der Widerstand gegen die aufkommende Nutzung von Traktoren in der Landwirtschaft anstelle von Zugtieren führte zu heute kaum nachvollziehbaren Argumentationen, beispielsweise dass einmal beschaffte Traktoren den Bauern nur Wertverluste bescheren würden, während Tiere sich fortpflanzen könnten. Und die Schauergeschichten, welche schrecklichen Krankheiten und Bewusstseinsstörungen die Menschen beim Anblick einer in voller Fahrt dahinrasenden Dampflok erleiden würden – im Jahr 1835 mit 60 Kilometern pro Stunde –, kennen wir ja.

Viel wichtiger, zweitens: Der konkrete gesellschaftliche Fortschritt ist – im Gegensatz zu Fortschrittsideen, die eine utopische  Zukunft zeigen – ein Konzept, das erst im 19. Jahrhundert aufkam. Erst die zunehmende Technisierung vieler Lebensbereiche führte dazu, dass die sozialen Protestbewegungen mit dem Recht auf eine bessere Zukunft argumentierten – und nicht mehr die Rückkehr zu einer besseren Vergangenheit forderten.

Und drittens, in der Menschheitsgeschichte gab es immer es eine starke Parallelität von technischem Fortschritt, wirtschaftlicher Entwicklung und sozialem Fortschritt sowie steigendem Lebensstandard. Durch den technischem Fortschritt gewannen wir neue Freiheiten, neue Handlungsmöglichkeiten – gute wie schlechte. Dass die Ambivalenz des Fortschritts oft ausgeblendet bleibt, erklärt sich vielleicht damit, dass der Fortschritt Begehrlichkeiten weckt. Was als persönlich bessere Situation wahrgenommen wird, ist eng mit dem Fortschritt verbunden. Wo mit dem technischen Fortschritt das Nutzen und Konsumieren dieser Technik eng einhergeht, vermag Kritik nicht zu erreichen, was das persönliche Verhalten bewirken kann. Technische Entwicklungen, die als persönlicher Fortschritt wahrgenommen werden und die persönlichen Nutzen bringen, sind mit eng mit dem persönlichen Konsum verzahnt. Es liegt also an uns selbst, wie wir diese neue Entwicklungen nutzen. Was angenommen wird, bleibt und wird immer weiter entwickelt.

Was bewirkt also Kritik am technischen Fortschritt? Betrachtet man die Historie, so ist die klare Antwort: relativ wenig. Besser als nur Kritik zu üben und Schreckensszenarien heraufzubeschwören, ist es also, am persönlichen Verhalten anzusetzen. Nachhaltige Entwicklung im Sinne des Leitgedankens der Agenda21 bedeutet, dass Entscheidungen ökonomisch vertretbar, ökologisch verantwortbar und sozial verträglich sein sollen. Dies ist eine komplexe Vorgabe mit drei verschiedenen Bedingungen, dennoch ist es nicht allzu schwer, diese drei Gedanken auch im persönlichen Handeln zu berücksichtigen. Fortschritt und Innovationen wird es immer geben – mit einem persönlichen Nachhaltigkeitscheck kann jeder von uns beeinflussen, welche Entwicklungen sich durchsetzen.   

Markus Hoffmann

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